Training am Krankenbett

Aktuelles aus dem Klinikum

Klinik unterstützt pflegende Angehörige - Training am Krankenbett mit Tipps und Tricks

Pflegebedürftig zu sein, ändert das ganze Leben - oft auch das von Angehörigen. Verena Müller (Name geändert) bricht gerade eine jahrelange berufliche Existenz in Spanien ab, um ihre Mutter daheim zu pflegen. Hilfe sucht sie dafür in einem Pflegekurs an der Klinik am Park Lünen. Mit ihren Fragen und Sorgen steht sie nicht allein da. "Etwa die Hälfte aller Pflegebedürftigen wird allein von Angehörigen gepflegt", so Bettina Bettenbrock, Pflegetrainerin des Klinikums Westfalen.

Hilfestellung bei unerwarteter Pflegebedürftigkeit bietet seit zehn Jahren das Projekt "Familiale Pflege", eine Kooperation der Universität Bielefeld mit der AOK und inzwischen etwa 360 Krankenhäusern in NRW. Das Klinikum Westfalen hat für jeden seiner drei Krankenhausstandorte in Dortmund, Kamen und Lünen spezielle Pflegetrainer in Kooperation mit der Universität ausgebildet. Sie bieten Pflegekurse an oder Intensivschulungen vor Ort. Für die Teilnehmer sind solche Angebote kostenlos.
Neben Verena Müller nimmt auch Heike Winter (Name geändert) gerade an dem Pflegekurs der Klinik am Park teil. Ihr Mann zog sich bei der Gartenarbeit eine Verletzung zu. Komplikationen kamen hinzu, mehrere Operationen und lange Krankenhausaufenthalte. Sie ist optimistisch, dass ihr Mann wieder gut auf die Beine kommt. Erst einmal aber braucht er pflegerische Unterstützung.

Mehr als zwei Drittel der rund 2,5 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes daheim versorgt, etwa 1,2 Millionen allein durch Angehörige ohne Unterstützung durch ambulante Pflegedienste. Gezählt wurden dabei nur Pflegebedürftige im Sinne des Gesetzes.

Vor allem dann, wenn der Pflegefall unerwartet eintritt durch einen Unfall oder einen überraschenden Krankheitsschub, benötigen die Angehörigen schnell Hilfe und Unterstützung, Auskünfte zu den Leistungen die ihnen zustehen, Informationen über den Bezug von Hilfsmitteln oder über Möglichkeiten, sich selbst schulen zu lassen in einem Pflegetraining. Eine erste Beratung bieten die Sozialdienste von Krankenhäusern oder kommunale Pflegeberatungsstellen an, so Bettina Bettenbrock.

Die beiden Pflegetrainerinnen Bettina Bettenbrock und Inga Freimuth kennen aus jahrelanger Praxis die Probleme, die bei der Pflege auftreten, haben aber auch viele Antworten parat, die sie in den Kursen präsentieren. Ein richtig gefaltetes Handtuch kann zum Beispiel einem Pflegebedürftigen helfen, im Bett nicht immer weiter Richtung Fußende zu rutschen. Doch dabei kommt es auf Details an, um keine Hautreizungen zu provozieren. Viele kleine Hilfsmittel stellen die Kursleiterinnen pflegenden Angehörigen vor. Eine spezielle Duschhaube zum Beispiel ermöglicht das Haarewaschen im Bett, wenn es nicht möglich ist, Dusche oder Badewanne aufzusuchen.

Die Pflegeexpertinnen räumen aber auch mit Traditionen auf. Der großzügige Einsatz von Salben oder das alte Hausmittel Franzbranntwein werden heute nicht mehr empfohlen.
Der Kurs spart auch Hygiene nicht aus, Umgang mit Wunden und Sekreten. Zunächst aber wird in der Gruppe Vertrauen aufgebaut und werden die oft leidvollen Erfahrungen und Vorgeschichten ausgetauscht.  

Ansonsten helfen pflegenden Angehörigen im Alltag viele kleine Handgriffe. Wie stellt man zum Beispiel ein Bein so auf, dass Patient und Pfleger möglichst wenig belastet werden. Wie kann man Bewegungsenergie nutzen um Kraft zu sparen? Das zeigt Bettina Bettenbrock, nebenbei auch zertifizierte Kinetiktrainerin, ganz praktisch am Bett und an Kollegin Inga Freimuth als "Patientin".

Zugleich machen die beiden Mut für die Herausforderung, die vor den pflegenden Angehörigen liegt und zeigen auf, wo diese wann immer nötig Unterstützung finden können. Heike Winter ist dankbar für die Hilfe. Sie sieht der neuen Aufgabe nun gelassener entgegen.

Informationen über Schulungsangebote für pflegende Angehörige im Klinikum Westfalen sind unter der Rufnummer 0231-9221828 zu erfragen.
 
Info:
 
Die Familie ist die zentrale Institution in der Pflege alter Menschen", unterstreichen die Experten der Universität Bielefeld. Und der Bedarf werde rasant wachsen. Für 2050 wird ein Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen von jetzt 2,5 auf dann 4,5 Millionen erwartet.
 
In der Beschreibung zum Modellprojekt Familiale Pflege der Universität Bielefeld und der AOK heißt es weiter: "Umfragen belegen, dass auch moderne Familien zur Übernahme von Versorgung und Pflege der alten Eltern in hohem Maße bereit sind. Auf der anderen Seite haben wir in unseren Untersuchungen gefunden, dass die Bildung und Beratung der pflegenden Familien in vielfacher Weise unzureichend ist."